Der Islam und die Gewalt
Brisante Diskussion bei Uni Live in Weissach
Ein Artikel der Backnanger Kreiszeitung vom 07.11.2008, VON PROF. DR. KURT W. SCHÖNHERR
Es war wie bei einer Talkshow im Fernsehen: ein heißes Thema, das alle bewegt, profilierte Fragen und Beiträge und das Bemühen des Moderators, zu einem Konsens zu gelangen, der dem Anliegen der Veranstaltungsreihe „Weltethos der Religionen“ entspricht. Nachdem ein historisch und theologisch wohlfundierter Film auf DVD von und mit Hans Küng (SWR Fernsehreihe aus dem Jahr 1999) über den Islam vorgeführt worden war, begann ein Feuerwerk von Fragen und Diskussionsbeiträgen in der wie immer gut besuchten Veranstaltung von Uni Live im Unterweissacher Bürgerhaus.
Die Diskussion wurde durch folgenden Beitrag im Sinne der Kirche eingeleitet: Eine der vielen Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam ist das Leben nach dem Tod im Paradies für jene, die ein rechtschaffenes Dasein geführt haben. Dies gilt für einen Christen, der in Nächstenliebe ein gottwohlgefälliges Leben geführt hat – aber auch für einen islamischen Terroristen, der nach seiner von Extremisten beeinflussten Auslegung des Korans, der vor gut 1400 Jahren geschrieben wurde, sich für eine gerechte Sache kämpfend in die Luft sprengt und andere mit in den Tod reißt. Er geht davon aus, sofort ins Paradies zu kommen. Dieser Beitrag traf den Moderator Prof. Dr. Kurt W. Schönherr nicht unvorbereitet: Er zitierte aus dem Koran Sure 2.186 und 287: „Bekämpft für den Pfad Gottes diejenigen, die euch bekämpfen…“ und „Tötet sie, wo ihr sie auch findet, verjagt sie, von wo sie euch verjagt haben, denn Verführung ist schlimmer als Töten…“. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Militanz der Kreuzzüge, der Härte der Wiedereroberung Spaniens durch die Christen, auf die Entwicklung muslimischer Länder während der letzten 100 Jahre, auf die Zerschlagung des Osmanischen Reiches, die Aufteilung arabischer Länder in Völkerbundmandate, die zu englischen und französischen Herrschaftsbereichen wurden, die Entstehung des Staates Israel bis hin zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan – vor allem aber auf die Unmoral, die viele Muslime im Lebenswandel der Menschen in den reichen Ländern Amerikas und Europas sehen. Für den Terroristen – ideologisch indoktriniert – ist die Selbstaufopferung ein Akt der Gerechtigkeit, der Verteidigung gegenüber dem Unrecht, wobei er meist Unschuldige trifft, um auf seine „gerechte“ Sache aufmerksam zu machen – nach unserer Auffassung Sünde und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Schönherr geht davon aus, dass der Westen eigene Fehler erkennen, aus diesen Lehren ziehen und damit dem Terrorismus die religiöse Rechtfertigung entziehen kann – und im Sinne von Hans Küng einen Dialog sucht. Er verwies auf die jüngste politische Entwicklung in den USA als eine Perspektive, die hoffen lässt.
Eine weitere brisante Frage lautete: Wird Deutschland in 50 Jahren ein muslimisches Land, wenn die Überalterung der Bevölkerung und der Geburtenrückgang fortschreiten und wir in unserer Wertevielfalt und Säkularisierung einem auf die Werte des Koran eingeschworenen wachsenden muslimischen Bevölkerungsanteil gegenüber stehen? Tatsache ist, dass die deutschstämmige Bevölkerung schrumpft; Perspektive ist aber auch, dass bei steigendem Wohlstand und bei fortschreitender Integration von ausländischen Mitbürgern bei einer stummen Mehrheit eine wachsende Anpassung an unseren Lebensstil eintritt – eine Entwicklung, die Extremisten zu verhindern suchen. Schönherr vertrat die Meinung, dass wir gute Argumente für unsere Wertevielfalt haben, weil sie dem menschlichen Wesen stärker entspricht. Der Faschismus und der Kommunismus mit ihren doktrinären Einheitswerten sind zusammengebrochen. Völlig zu recht wurde aus der Hörerschaft darauf hingewiesen, dass viele islamische Staaten noch auf der theozentrischen Stufe der gesellschaftspolitischen Entwicklung stehen, wie wir es im Mittelalter waren. Durch die Philosophie der Aufklärung (vor allem Immanuel Kant) wurde der Menschen in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens gerückt – eine Entwicklung, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte und die den Pluralismus der Werte und die Demokratie gebracht hat, was heute in vielen islamischen Staaten mit großer Skepsis gesehen wird, stellt es doch die für den Islam typische Einheit von Kirche und Staat in Frage – mit Ausnahme der Türkei.
In den abschließenden Überlegungen kam Schönherr wieder auf das Anliegen des Weltethos der Religionen zurück, indem er betonte, dass in allen Religionen das Prinzip der Zehn Gebote und der Gegenseitigkeit des Verhaltens gilt – und dass wir Respekt haben sollten vor den Glaubensinhalten der Religionen, was bedeutet, dass wir zum Christentum stehen und erwarten, dass Andersgläubige die gleiche Haltung einnehmen.
Uni Live in Weissach plant, eine Sonderveranstaltung zum Islam durchzuführen, in der ein Imam, ein Vorbeter einer islamischen Gemeinde, zu Wort kommen soll. Doch vorher wird die nächste Veranstaltung von Uni Live in Weissach am Dienstag, 18. November, 20.00 Uhr, im Bürgerhaus Unterweissach zum Thema Hinduismus stattfinden. Gastreferent ist Dr. Stephan Schlensog, Generalsekretär der Stiftung Weltethos Tübingen, einer der engsten Mitarbeiter von Hans Küng und Gestalter des Multimediaprojekts, an dem Uni Live in Weissach teilnimmt.