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Die Opfer und die Macht der Erinnerung und der Liebe

Auenwald Es ist ein Abend der Tränen und der Lebensfreude, der hinreißend schönen Balladen, die vom schweren Leben der Menschen in Lateinamerika erzählen, und der Songs, die dem Ernst und der Schwere des Lebens mitreißende Rhythmen entgegensetzen: Grupo Sal und Fulbert Steffensky sorgen in der Herz-Jesu-Kirche in Ebersberg für ergreifende Momente, für Musik und Gedanken, die man so vielleicht noch nie gehört hat und deshalb nicht so schnell vergessen wird.

Ein Artikel der Backnanger Kreiszeitung vom 19.05.2007, VON INGRID KNACK

Es geht um Esperanza, um Hoffnung. Die Lieder wenden sich wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit. Es ist ein spannungsgeladens Gemisch aus traditionellen und zeitgenössischen (Jazzlatin)-Elementen, aus stimmungsvollen und expressiven Tönen. Unter die Haut gehen bei “Tiempo de Soleá” (Zeit der Einsamkeit) vor allem die aufwühlenden Querflötentöne, Roland Geigers Spiel steht in diesem Augenblick für die Experimentierfreudigkeit und leidenschaftliche Spielfreude der Gruppe, für den Verzweiflungsruf der jungen Menschen, die mit ihrer Einsamkeit fertig werden müssen. Der Blick richtet sich auf eine Welt, in der Tod und Lebenslust nahe beieinander liegen, in der an der einen Straßenecke geschossen und an der anderen Flamenco-HipHop getanzt wird.

Fast könnte es einem das Herz zerreißen, wenn Frontmann Fernando Dias Costa bei “Chiquilín de Bachín” (Kleiner Junge aus Bachín) von Astor Piazzolla und Horacio Ferrer mit seiner ausdrucksstarken Baritonstimme davon erzählt, wie der kleine Junge, der morgens vor lauter Traurigkeit nicht aufwachen und seine Mutter, die auf den Strich geht, nicht sehen will, sich jeden Morgen aus Brot und Nudeln vom Müll einen Drachen baut, “um wegzufliehen, aber alles geht weiter wie immer . . .”

Und dann die Texte von Fulbert Steffensky, dem emeritierten Theologen und Religionspädagogen, einem der großen Visionäre unserer Zeit. Seine Sätze sind entwaffnend eindeutig, noch nie beantwortete Fragen verlieren plötzlich an Bedeutung, den Worten des Wahl-Hamburgers weitere hinzuzufügen erübrigt sich zumindest für diesen einen Abend, an dem sich eine Atmosphäre des Einverständnisses im Kirchenschiff breitmacht.

Steffensky spricht von Traditionen, Herkunft und von dem, was nach dem Tod ist. Von Opfern, die viel zu früh sterben. Er lässt “Gott nicht davonkommen, er soll für das ungelebte Leben stehen”. Nicht Zweifel und Verzweiflung sind die Antwort auf die unbegreiflichen Ungerechtigkeiten in der Welt, sondern Hoffnung und eine fast trotzige Gewissheit: “Ich setze darauf, dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird.” Oder: “Wir kommen nicht aus dem Nichts und wir gehen nicht ins Nichts”. “Eine Herkunft haben, ist, dass man nicht an sich selber verhungern muss.” Und Fulbert Steffensky spricht vom Bild eines Mannes, das auf seinem Schreibtisch steht. Es handelt sich um das Foto von Hans Litten, des Anwalts, der Sozialisten gegen die Nazis verteidigte, in Konzentrationslagern viele Erniedrigungen erleben musste und sich schließlich das Leben nahm.

“Todos vuelven” ist eines der Lieder von Grupo Sal. Alle kehren zurück. Die Menschen, deren Spuren man verwischen wollte, kommen zurück auf dem Weg der Erinnerung und der Liebe. Die Macht der Erinnerung und der Liebe ist immer größer als die der Verleugnung und des Vergessens, sagt Fernando Dias Costa.

In einem Brief an seine Enkelkinder zitiert Steffensky Pasolini: “Überflüssige Dinge machen das Leben überflüssig.” Auch über die Musik macht sich der Autor Gedanken: “In der Poesie des Singens sind wir uns selbst voraus.” Und zu den Musikern gewandt meint er: “Ihr seid vielleicht die größeren Tröster als wir Prediger.”

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Steffensky, der Experte für tiefgründige Texte, hälts auch mit Schiller. Die liebevollen Seitenhiebe des Redners auf kirchliche Befindlichkeiten und die selbstironische Zugabe über den Hamburger und die Fastnacht (“Der Hamburger fürchtet den Mainzer in sich selbst”) geben dem Abend obendrein eine heitere Note.